Geschichte der Rhetorik

Ob Ehrenmann oder Bauer – als Angeklagter musste sich im alten Griechenland vor Gericht jeder selbst verteidigen. An Erfahrung und Bildung war der Ehrenmann dem Bauern in der Redepraxis jedoch weit überlegen. Nach der damaligen Gerichtsbarkeit ein kaum überwindbares Hindernis, denn ihre Urteile fällten die Senatoren für heutige Verhältnisse recht leichtfertig – nur auf Grundlage der Vorträge von Kläger und Verteidiger. Damals konnte ein Vortrag den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Was konnte der einfache Bauer also tun, wenn er von einem eloquenten Gegner vor Gericht gezerrt wurde? Redenschreiber waren jedermanns bester Freund – schon bald verlangten Redenschreiber gutes Geld für ihre Dienste und gründeten die ersten Redeschulen. In der Zeit um 400 v. Chr boomte das Geschäft mit dem Wissen um die Kraft der Worte.

Der Zweck der Redekunst war es, zumindest nach Aristoteles, das Glaubliche an einer Sache zu finden, mit anderen Worten, die eigene Version der Wahrheit als die wahrscheinlichste darzustellen. Nicht von ungefähr kommt der Vorwurf, der Redner drehe und wende die Dinge, wie sie ihm gefallen. Zwingende Beweise interessierten in den Gerichtsverhandlungen weniger – wie man die Beweise ‚verkaufte‘, zählte mehr. Ihre Blütezeit erreichte die Rhetorik mit Cicero, der den mörderischen Verschwörer Catilina mit bloßen Worten zu den Stadttoren hinauszuschreien vermochte.

Was die antike Rhetorik lehrte, ist ein recht überschaubares System, welches den Redner als Handelnden in den Mittelpunkt stellt. Ihn und die Botschaft, die er in einer bestimmten Absicht übermitteln möchte. Eine Redepraxis gab es gewiss bereits davor. Doch erst im Sizilien des 5. Jahrhunderts v. Chr. beschäftigte man sich theoretisch mit den Wirkungen der Sprache. Anthropologische, philosophische und psychologische Ansätze waren Stützpfeiler der Rhetorik.

Philosophen, Rhetoren und Wanderlehrer stritten sich über Wesen und Aufgabe. War es zunächst nur darum gegangen, die eigene Sache im besten Licht erscheinen zu lassen, unterstellten sie die Rhetorik nun Moralvorstellungen, die den üblen Missbrauch rhetorischen Wissens verhindern sollten und einen guten, gerechten Einsatz forderten. Damit grenzten sie sich von dem ersten Redelehrer Gorgias von Leontinoi ab, der die Ansicht vertrat, das Publikum ohne Bedenken beliebig lenken zu können und zu dürfen.

Zur Gerichtsrede traten die politische Beratungsrede sowie Lob- und Tadelreden hinzu. Die Wirkung von Rede und die Bedingungen für ihr Gelingen wurden empirisch analysiert. Die Wichtigkeit des Charakters eines Redners, der menschlichen Gefühlswelt und der logischen Argumentation wurde in einem Wirkungsmodell von ethos (Charakter), pathos (Gefühle, Affekte) und logos (Denken, argumentieren) zusammengefasst. Systematisch gegliedert und beschrieben wurden ebenso die Arbeitsschritte für eine Rede, deren Ziele und Stilebenen. Der nahen Orientierung am Menschen dieser Systematik und dem Umstand, dass sich der Mensch seit der Antike in biologischer und psychischer Hinsicht nicht wesentlich verändert hat, ist wohl die bis heute anhaltende Gültigkeit der rhetorischen Erkenntnisse und Strategien zu verdanken.

Mit dem Niedergang des Römischen Reiches ging die Rhetorik zunächst unter. Das Mittelalter überlebte sie knapp in den damals üblicherweise per Briefverkehr durchgeführten Gerichtsverhandlungen und in kirchlichen Predigten. In Renaissance und Humanismus wurde die Rhetorik zwar an Universitäten gelehrt, als wissenschaftliche Disziplin verschwand sie im 19. Jahrhundert jedoch wieder europaweit. Einen Aufschwung erlebte sie erst in den 1940ern durch die Bewegung der new rhetoric. 1962 wurde in Tübingen schließlich das Seminar für Allgemeine Rhetorik eingerichtet, welches antike Theorie und moderne Praxis in einem Studium verbindet.

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